{"id":1439,"date":"2012-11-10T12:35:38","date_gmt":"2012-11-10T12:35:38","guid":{"rendered":"http:\/\/waldesleuchten.de\/?p=1439"},"modified":"2018-05-23T18:09:21","modified_gmt":"2018-05-23T18:09:21","slug":"morgenfeier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waldesleuchten.de\/?p=1439","title":{"rendered":"Morgenfeier"},"content":{"rendered":"<p><font face=\"Arial,Helvetica,Geneva,Swiss,SunSans-Regular\" size=\"2\"><br \/>\nManchmal kramt man seine alten Papiere durch, gerade, wenn man die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde seines Lebens stark ver\u00e4ndert, wie ich es vor etwas mehr als einem Monat getan habe. Und in der heutigen Zeit eben nicht nur Papiere, sondern auch Dateien. Da fiel mir gerade heute eine Morgenfeier in die H\u00e4nde, die nach all dem, was danach passiert ist, sehr eigenartig wirkt&#8230; &#8211; denn die Erfahrung brachte mit sich, da\u00df &#8222;Jugendbewegung heute&#8220; die Neugier aufs Leben zu einem guten Teil verlernt oder nie gekannt, mitunter auch Neugier durch Angst in einem Fall, mantrahaft vorgetragenen Dogmatismus im anderen Fall ersetzt hat &#8211; im schlimmsten Fall auch durch beides. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Morgenfeier<\/strong><br \/>\nWir beginnen mit einem Lied: <a href=\"http:\/\/www.volksliederarchiv.de\/text1257.html\" target=\"_blank\">Von allen blauen H\u00fcgeln<\/a>.<\/p>\n<p>Morgen. Was macht das eigentlich f\u00fcr uns aus? Ein Morgen ist ein Anfang, ein Beginn. Ein werdender Tag. Was bringt er mit sich, der werdende Tag? Sind wir am Abend noch dieselben, die wir am Morgen waren? Werden wir heute Abend vielleicht schon anders sein, als wir jetzt sind? Gibt es Tage, die uns besonders stark ver\u00e4ndern? Wieviel tragen wir selbst zu unserer Ver\u00e4nderung bei, was bleibt dem Zufall \u00fcberlassen? Wollen wir die Ver\u00e4nderung, oder wollen wir vielleicht lieber alles beim Alten lassen? Sind wir ges\u00e4ttigt mit dem, worin wir uns eingerichtet haben, mit unserem Wissen, Alltag, Lebensablauf, Bekanntenkreis? Leben wir vielleicht unsere Tage sogar unbewusst, maschinell, wie es etwa die Toten Hosen in ihrem Lied &#8222;Viva la revolution&#8220; besungen haben?<\/p>\n<p><em>&#8222;Jeden Morgen ein Drei-Minuten-Fr\u00fchst\u00fccksei und eine Runde mit dem Hund;<br \/>\nP\u00fcnktlich bei der Arbeit sein, p\u00fcnktlich wieder Schluss;<br \/>\nJeden Tag in die gleiche Richtung, ohne zu fragen, wieso;<br \/>\nJede Nacht dieselben Gesichter in denselben Fernsehshows.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Erstrebenswert? Der Gang aller Dinge und aller Leben? Der Sinn des Lebens \u2013 Verb\u00fcrgerlichung? Was ist das Entscheidende, was gibt den Ausschlag, immer wieder, lebenslang, anders zu sein, lebendig zu bleiben?<\/p>\n<p>Es ist die Neugier aufs Leben.<\/p>\n<p>Neugier darauf, das andere zu tun. Das andere, das einen deutlichen Kontrast zum eigenen Alltag liefert, das andere, das Ansto\u00df erregt, Reaktionen ausl\u00f6st. Nicht nur als Kind, auch noch als Erwachsener. Neugier darauf, auch manchmal das zu tun, was vielleicht sogar von der eigenen Mitwelt als verr\u00fcckt aufgefasst wird. Neugier, die Reaktionen ausl\u00f6st, und zum Werden von sich selbst und anderen beitr\u00e4gt. Etwas f\u00fcr sich Neues tun. Dinge tun, die Selbst\u00fcberwindung, vielleicht sogar ein St\u00fcck Mut Kosten, weil eigene \u00c4ngste, Vorurteile dem entgegenstehen.<br \/>\nDas kann so etwas einfaches sein, wie allein ins Kino zu gehen oder allein in ein Restaurant. Nichts also, was gef\u00e4hrlich ist, aber etwas, das durchaus nicht ganz gew\u00f6hnlich ist. Das uns das Leben aus einer anderen Perspektive zeigt. Es kann ein Alleingang in die Berge sein. Oder eine Fahrt in ein fremdes, vielleicht gef\u00e4hrliches Land.<\/p>\n<p>Kennt Ihr das? Das Gef\u00fchl, dass einen das Leben in seiner ganzen Intensit\u00e4t ergreift, dass man in jedem Teil des K\u00f6rpers sp\u00fcrt, WIE SEHR man lebt? F\u00fcr mich ist dieses Gef\u00fchl absolut verbunden mit einem Erlebnis in den Bergen, allein, noch fr\u00fch am Morgen, aber die Waldgrenze schon durchschritten. Die Gigantik der Bergw\u00e4nde, die Stille und man selbst so klein, beinahe nichts, und doch: auf einmal so voller Leben, und so voller trotzigem Lebenswillen, die Hand sicher am Gestein, das in diesem Augenblick selbst warm vor Leben erschien. Am Gipfel angekommen, stieg ein Adler vom Tal zur Sonne, als nehme er die Gr\u00fc\u00dfe des Lebens mit zur H\u00f6he, zum Licht. Dies war einer derjenigen Tage, die mich stark ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<p>Wir singen jetzt: <a href=\"http:\/\/www.volksliedsammlung.de\/diegraue.html\" target=\"_blank\">Die grauen Nebel hat das Licht durchdrungen<\/a><\/p>\n<p>Neugier aufs Leben hat aber auch viele andere Facetten. Es kann eine Sprache sein, die man neu erlernt, und mit der man sich eine andere Gedankenwelt, zumindest teilweise, erschlie\u00dft \u2013 denn jede \u00dcbersetzung ist etwas Unvollkommenes, ein nicht ganz treffendes Konstrukt. Es kann auch nur eine ungew\u00f6hnliche Handlung sein, z.B. das Singen eines Volkslieds, einfach so, auf der Stra\u00dfe.<br \/>\nVor allem aber richtet sich diese Neugier aufs Leben auf den Kontakt mit anderen Menschen, das Kennenlernen von bisher Unbekannten.<br \/>\nDie Neugier aufs Leben hat mich vor ziemlich genau vier Jahren zur Gildenschaft getragen, zu den B\u00fcnden. Und dort fand ich eben dieses wieder, einen Kerngedanken der Jugendbewegung: grenzenlose Neugier aufs Leben.<\/p>\n<p>Diese beinhaltet die Bereitschaft, \u00fcber den eigenen Tellerrand zu blicken, sich einzulassen auf Gedanken, die vielleicht die eigene liebgewonnene, gehegte Gedankenwelt bis auf den Grund ersch\u00fcttern. Gerade auch zu denen zu gehen, vor denen man immer gewarnt wurde: &#8222;Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!&#8220;<br \/>\nZu denen, \u00fcber die sich Ger\u00fcchte ranken, und denen man allerlei nachsagt. Sei es im eigenen Umfeld, sei es in der Gesellschaft im Allgemeinen.<\/p>\n<p>Warum? Johann Gottlieb Fichte hat zum Aufeinanderwirken von Menschen folgende Zeilen geschrieben:<\/p>\n<p><em>&#8222;Selten ist Jemand so vollkommen, dass er nicht fast durch jeden anderen wenigstens von irgend einer, vielleicht unwichtig scheinenden, oder \u00fcbersehenen Seite sollte ausgebildet werden k\u00f6nnen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das Brechen von Tabus und Kontaktverboten, das ist etwas, das ich selbst seit vielen Jahren in verschiedenste Richtungen immer wieder getan habe, und das mich vielleicht st\u00e4rker ver\u00e4ndert hat als alles andere, was ich in meinem Leben sonst erlebt habe. Getrieben hatte mich eben diese Neugier aufs Leben: fassen zu wollen, was andere denken, und begreifen zu wollen, WARUM sie das denken, was sie denken. Die Geschichten hinter den Menschen. Und auf einmal stellt man fest, dass diese anderen, die mit dem Tabu belegt sind, genauso Menschen sind wie man selbst. Menschen, die eine Geschichte haben, deren Ansichten sich h\u00e4ufig aus dieser individuellen Geschichte heraus erkl\u00e4ren. Menschen, die an der Welt leiden, leben wollen und sich freuen wie man selbst. Die Oberfl\u00e4che verschwindet, und dahinter wird das rein Menschliche sichtbar \u2013 das, was bleibt. Nicht alles kann man vollkommen verstehen. Nat\u00fcrlich erlebt man auch Verletzung und Entt\u00e4uschung, wenn man sich auf andere Menschen einl\u00e4sst. Man kann auch erleben, wie wir in j\u00fcngster Zeit selbst erfahren haben, dass man auf einmal selbst unter ein Tabu, ein Isolationsgebot f\u00e4llt, selbst zu dem wird, wor\u00fcber sich Ger\u00fcchte ranken. Aber auch das ist ein Teil des Lebens und ein Beitrag zum eigenen Werden. <\/p>\n<p>Zur Neugier aufs Leben geh\u00f6rt auch die Entwicklung einer gewissen Gelassenheit sich selbst gegen\u00fcber und gegen\u00fcber dem, was einem zust\u00f6\u00dft. Vertrauen auch, Vertrauen darin, dass alles, was geschieht, auch das Traurige, auch Leiden und Angst, der richtige Weg f\u00fcr einen selbst ist, der, f\u00fcr den man bestimmt ist. Das f\u00e4llt nicht immer leicht, aber auch hier weist uns die Neugier den Weg: hier ver\u00e4ndert sich die kindliche, spannungsgeladene Neugier in die objektive und n\u00fcchterne Neugier des Wissenschaftlers und Forschers.<\/p>\n<p>Marie von Ebner-Eschenbach hat dies so ausgedr\u00fcckt:<br \/>\n<em>&#8222;Wenn die Neugier sich auf ernsthafte Dinge richtet, dann nennt man sie Wissensdrang.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Denn nicht nur Fachthemen, auch man selbst kann zum Objekt der eigenen wissenschaftlichen, rationalen Neugier werden. Man mu\u00df sich nur angew\u00f6hnen, sich anders zu betrachten. Empfindungsloser, n\u00fcchterner, k\u00e4lter. Sozusagen aus einem Blick von oben. &#8222;Wegzoomen&#8220; aus der aktuellen Situation, bis man selbst unter den anderen Menschen so klein erscheint, als betrachte man sich und die anderen im Tal, von einem Berggipfel aus. Diese Perspektive ver\u00e4ndert die Dimension, die pers\u00f6nliche Betroffenheit schwindet fast ganz.<br \/>\nUnd immer steigen wir eine Stufe im eigenen Werden nach oben.<\/p>\n<p>Hermann Hesse schrieb \u00fcber diesen Werdegang ein sehr treffendes Gedicht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.lyrikwelt.de\/gedichte\/hesseg1.htm\" target=\"_blank\">Stufen<\/a><\/p>\n<p>Wir sind hier, an der Kneipe am Moor, zusammengekommen, um vielleicht auch an diesem Wochenende einen neuen Aufbruch zu setzen. Und vielleicht ist der heutige Tag einer der starken Tage sein, an deren Abend wir anders sind als an diesem Morgen \u2013  weil die Neugier aufs Leben uns Menschen n\u00e4her gebracht hat, die uns ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<p>Zum Abschlu\u00df singen wir<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.aggi.de\/songs\/ENDLOSLA.HTM\" target=\"_blank\">Endlos lang zieht sich die Stra\u00dfe<\/a>.<\/p>\n<p><em>gehalten im November 2009 an einem Aktivenwochenende der Deutschen Gildenschaft<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal kramt man seine alten Papiere durch, gerade, wenn man die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde seines Lebens stark ver\u00e4ndert, wie ich es vor etwas mehr als einem Monat getan habe. 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