{"id":157,"date":"2011-07-13T10:05:21","date_gmt":"2011-07-13T10:05:21","guid":{"rendered":"http:\/\/waldesleuchten.de\/?p=157"},"modified":"2023-06-20T21:54:47","modified_gmt":"2023-06-20T21:54:47","slug":"vergangenheitsbewaltigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waldesleuchten.de\/?p=157","title":{"rendered":"Vergangenheitsbew\u00e4ltigung"},"content":{"rendered":"<p><font face=\"Arial,Helvetica,Geneva,Swiss,SunSans-Regular\" size=\"4\"><br \/>\nAbertham, Juni 2007<\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial,Helvetica,Geneva,Swiss,SunSans-Regular\" size=\"2\"><br \/>\n<div id=\"attachment_268\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/?attachment_id=268\" rel=\"attachment wp-att-268\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-268\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/Kirche-der-Heiligen-Vierzehn-Nothelfer-Abertham-e1687297511674.jpg\" alt=\"Kirche der Heiligen Vierzehn Nothelfer Abertham\" width=\"225\" height=\"273\" class=\"size-full wp-image-268\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-268\" class=\"wp-caption-text\">Katholische Kirche Abertham<\/p><\/div>Abertham wurde 1529 gegr\u00fcndet und 1579 zur Stadt erhoben. Zun\u00e4chst wurden Zinn und Silber gewonnen, vom Bergbau k\u00fcndet auch das Aberthamer Wappen.<!--more--><\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurde Abertham Zentrum der b\u00f6hmischen Handschuhfertigung. Meine Oma m\u00fctterlicherseits stammte aus Abertham, das im Erzgebirge auf 900 m \u00fcber N.N. liegt und zum Kreis Neudek im Bezirk Karlsbad geh\u00f6rte. Nach 1945 wurden nahezu alle Deutschen vertrieben, so auch die Familie meiner Oma. Schon als Kind hatte ich ein enges Verh\u00e4ltnis zu ihr, war oft mehrere Tage zu Besuch; sp\u00e4ter gingen wird oft zusammen mit dem Hund in den Wald und sie erz\u00e4hlte mir von fr\u00fcher: von den harten Wintern, vom vielen Schnee, der oft den Hauseingang vollst\u00e4ndig blockierte, von weiten Wiesen und unendlichen Waldfl\u00e4chen, von den weiten Fu\u00dfwegen, oft alleine durch den Wald, vom Heumachen (\u201ezur Arbeit geht man schnell, von der Arbeit geht man langsam\u201c), von der Musik, die zur Familientradition geh\u00f6rte, von alten Instrumenten, von ihrem Vater, der sehr streng, aber auch verantwortungsvoll war und der ihr immer als Vorbild diente, von den Geschwistern, von ihrem \u00e4ltesten Bruder, Franz Gr\u00fcnwald, der Musik studierte und 1944 bei Sewastopol verschollen ist. <\/p>\n<p><div id=\"attachment_4460\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/?attachment_id=4460\" rel=\"attachment wp-att-4460\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4460\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/Franz_Gruenwald.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"324\" class=\"size-full wp-image-4460\" srcset=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/Franz_Gruenwald.jpg 225w, https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/Franz_Gruenwald-208x300.jpg 208w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4460\" class=\"wp-caption-text\">Franz Gr\u00fcnwald, verschollen 1944 bei Sewastopol<\/p><\/div>Von Bierf\u00e4ssern und Limonade, vom Karpfen, der zu Weihnachten aus der Pfanne sprang, von einem Rehkitz, das sie aufgezogen hatten und das einmal in die Halle lief, in der die Getr\u00e4nke abgef\u00fcllt wurden \u2013 es rutschte auf dem glatten Boden aus, brach sich ein Bein. Keiner mochte das Fleisch essen, nachdem es get\u00f6tet werden musste. Sie erz\u00e4hlte von dem dicken Ackergaul, der den Bierwagen zog, von den beiden K\u00fchen, davon, dass ihr Vater kein Huhn schlachten konnte und somit ihrer Mutter diese Aufgabe blieb. Sie erz\u00e4hlte, wie geschlachtete H\u00fchner ohne Kopf noch \u00fcber den Hof laufen k\u00f6nnen, von den Handschuhen, die ihre \u00e4lteste Schwester fertigen lernen musste, von den beiden Tanten im Nachbarort, die jedes Kraut kannten und anzuwenden wussten, von den V\u00f6geln, die bei ihnen im Fenster standen, Gimpel und Gr\u00fcnlinge. Sie erz\u00e4hlte vom Arbeitsdienst, vom Katzenkot unter den Betten auf dem Hof, auf dem sie eingesetzt war, sie erz\u00e4hlte vom Krieg, davon, wie sie nach ihres Bruders Tod nicht mehr feiern konnte, w\u00e4hrend andere im Feld standen. Ich kann es nicht begreifen, wie andere noch feiern konnten, sagte sie \u2013 wenn die anderen in Dreck und K\u00e4lte, hungernd und in Todesgefahr lagen. Etwa 1943 wurde auch ihr Vater, Franz Gr\u00fcnwald, kriegsversehrt vom ersten Weltkrieg, eingezogen \u2013 er kam nicht mehr zur\u00fcck. Sein letzter Brief stammt vom 13.01.1945, er ist in der Gegend von Gorlice verschollen. Sie erz\u00e4hlte davon, wie die Tschechen kamen, von der Lehrersfamilie, die ermordet im Wald aufgefunden wurde. Auf den Toten noch, so wurde erz\u00e4hlt, sah man die G\u00e4nsehaut und Abdr\u00fccke von Zigaretten. Sie erz\u00e4hlte, wie russische Soldaten in der Gaststube einen \u201eKosakentanz\u201c auff\u00fchrten und sich keiner zu r\u00fchren wagte \u2013 schlie\u00dflich l\u00f6ste sich ein Schu\u00df und schlug dicht neben ihrer j\u00fcngeren Schwester ein. An einem Tag wurde das ganze Dorf auf dem Marktplatz zusammengetrieben: es hie\u00df, jeder Dritte werde erschossen. Sie erz\u00e4hlte, wie ihre \u00e4ltere Schwester in Ohnmacht fiel. Dann aber durften alle wieder gehen. Sie wusste nicht, warum. Ihr j\u00fcngerer Bruder, zu Kriegsende 15 Jahre alt, wurde mit Freunden drei Tage festgehalten. Er erz\u00e4hlte nie, was ihm passierte, er sprach nur \u00fcber seinen Freund, der mit dem Gesicht zur Wand stehen musste, ein Blatt Papier zwischen sich und der Wand \u2013 fiel das Papier hinunter, wurde er geschlagen.<br \/>\nZun\u00e4chst wurde ein tschechischer Verwalter eingesetzt, dann mussten sie das Land verlassen; ein gef\u00fcllter Rucksack war alles, was sie mitnehmen durften \u2013 und auch dessen Inhalt wurde vorher genau besichtigt. Alles blieb zur\u00fcck: das Elternhaus, die Musikinstrumente, alle Erinnerungen. Keins der Geschwister fasste jemals wieder ein Instrument an. Freundschaften und Familienbindungen wurden auseinandergerissen. Aus der anf\u00e4nglichen Hoffnung, in ein paar Jahren zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen, wurde die Gewissheit: nie mehr zur\u00fcck, nie mehr nach Hause, heimatlos.<\/p>\n<p>Meine Oma kam zun\u00e4chst nach Dachau, das als Auffanglager f\u00fcr Sudetendeutsche weiterbetrieben wurde, dann nach Oberammergau und arbeitete dort f\u00fcr eine amerikanisch-j\u00fcdische Offiziersfamilie als Haushaltshilfe und Kinderm\u00e4dchen. Es waren feine Leute, sagte sie immer, sie waren gut zu ihr, halfen ihr auch sp\u00e4ter noch, als sie wieder \u201edr\u00fcben\u201c waren, wollten sie sogar mitnehmen \u2013 aber meine Oma wollte in Deutschland bleiben.<br \/>\nF\u00fcr die einheimische Bev\u00f6lkerung waren die Vertriebenen Menschen zweiter Klasse, sie hatten ja nichts, keinen Besitz, keinen Grund und Boden&#8230;<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich zog meine Oma in den Stuttgarter Raum und arbeitete als Sekret\u00e4rin. In ihren letzten Lebensjahren wohnte sie bei meinen Eltern, und die Erinnerungen an fr\u00fcher h\u00e4uften sich. Ihre j\u00fcngere Schwester fuhr, als es wieder m\u00f6glich war, mit alten Klassenkameraden regelm\u00e4\u00dfig nach Abertham zur\u00fcck, aber meine Oma wollte nicht \u2013 sie hatte Angst, es nicht verkraften zu k\u00f6nnen, Angst vielleicht auch, die Erinnerungen zu tr\u00fcben, als die Familie noch vollst\u00e4ndig war.<br \/>\nHeimatverlust ist ein Schmerz, der unheilbare Wunden rei\u00dft, sie vernarben nur oberfl\u00e4chlich, rei\u00dfen immer und immer wieder auf. In den Wochen vor ihrem Tod sprach sie h\u00e4ufig von ihrem \u00e4ltesten Bruder. Ich wei\u00df nicht, ich sehe immer den Franz, sagte sie. Sie starb Anfang Juni 2005, zehn Tage sp\u00e4ter starb ihre \u00e4ltere Schwester, die j\u00fcngere war schon lange tot.<br \/>\nDie Sonne schien auf ihr Grab.<\/p>\n<p>Die Sonne schien auf ihr Grab, aber alles wirkte so leer, meine Oma so weit fort. In fremder Erde, in Erde, auf der sie nie wirklich heimisch wurde, nie wirklich Fu\u00df fasste, immer die Sehnsucht blieb, der Schmerz \u00fcber das Verlorene. Geschichte, die kein Ende nimmt.<br \/>\nIch musste dorthin, die Erz\u00e4hlungen begreifen lernen, sehen, wovon sie gesprochen hatte, nachf\u00fchlen k\u00f6nnen, welche Bande die Landschaft gewunden hatte. Und Erde mitbringen \u2013 f\u00fcr ihr Grab. Heimaterde, Aberthamer Erde, Erde von den Wiesen und W\u00e4ldern, wo sie gl\u00fccklich gewesen war.<\/p>\n<p>Allerdings: keiner von uns kannte sich aus in Abertham. Alle aus der Familie meiner Oma waren tot, die uns h\u00e4tten helfen k\u00f6nnen, der j\u00fcngste Bruder lebte noch, aber im Ausland. Man w\u00fcrde ja nicht einfach so durch die Gegend laufen wollen. Irgendwie erfuhren wird, dass jedes Jahr am zweiten Wochenende im Juni eine viert\u00e4gige Fahrt nach Abertham stattfindet, organisiert von der \u201eGruppe Abertham\u201c, an der alte Aberthamer teilnehmen.<\/p>\n<p>So kam es, dass mein Vater und ich mit nach Abertham fuhren.<br \/>\nWie es wohl sein w\u00fcrde? Ob jemand den Namen meiner Oma kennen w\u00fcrde? Oder ob sie die Achsel zucken w\u00fcrden und sagen: Nie geh\u00f6rt!<br \/>\nIn M\u00fcnchen w\u00fcrde ich zum Bus zusteigen. Eine Gruppe \u00e4lterer Menschen mit Gep\u00e4ck \u2013 das waren sicher die Aberthamer. Als ich nach Abertham fragte: gro\u00dfes Erstaunen, aber auch Freude, dass jemand J\u00fcngeres mitfahren w\u00fcrde, sich interessierte f\u00fcr die \u201ealte Heimat\u201c. Die Gr\u00fcnwalds? Ach ja. Das waren doch die mit den Flaschen! Und der J\u00fcngste, der Ernst, der ist doch dann nach Amerika gegangen? So wars \u2013 ich war richtig.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kam der Bus. Es stellte sich heraus, dass der Reiseleiter ein Verwandter ist. Er w\u00fcrde uns am Sonntag das Elternhaus meiner Oma zeigen, auch das Grab meiner Ur-Ur-Gro\u00dfeltern. Zun\u00e4chst aber ging die Busfahrt \u00fcber Regensburg nach Neualbenreuth, das im Egerland liegt, aber noch auf deutscher Seite. Zwischenstop zum Mittagessen \u2013 zu Essen gab es auf dieser Fahrt eigentlich st\u00e4ndig. In Neualbenreuth teilte sich die Gruppe: ein Teil besuchte das nahegelegene Sibyllenbad, ein Kurbad, das bewusst in dieser \u201estrukturschwachen Region\u201c gebaut worden war, der andere Teil, darunter mein Vater und ich, nahm an einer F\u00fchrung durch Neualbenreuth teil mit Besichtigung von Kirche und Heimatstube. Am Rathaus das Egerl\u00e4nder Wappen \u2013 und die Kirche weist die Besonderheit auf, dass sie von der \u00fcblichen Ausrichtung abweicht, um voll auf Eger Land zu liegen. Nach Kaffee und Kuchen ging die Busfahrt weiter, \u00fcber die Grenze und \u00fcber Karlsbad, eine neue Umgehungsstra\u00dfe \u00fcberbr\u00fcckt die Stadt und h\u00e4lt den Verkehr fern.<\/p>\n<p>Im Caf\u00e9 hatte ich mich mit einer Frau unterhalten, die elf Jahre alt war, als sie Abertham verlassen musste. Sie erz\u00e4hlte, wie es gewesen war, als sie das erste Mal zur\u00fcckgefahren sei. Abertham habe schrecklich ausgesehen, die H\u00e4user, der Ortskern verfallen, der Bauernhof ihrer Gro\u00dfeltern abgerissen. Und Abertham sei eine so sch\u00f6ne, gepflegte Stadt gewesen. Sie sagte, sie habe zwei Tage nur geweint, immer wieder, ganz tief von innen her, es sei immer wieder hochgekommen und habe sie richtig gesch\u00fcttelt. Und sie erz\u00e4hlte, wie sie damals, als Kind, eine Puppe hatte, die sie gern mitnehmen wollte, als sie Abertham verlassen mussten. Ein tschechischer Soldat sei mit aufgepflanztem Gewehr gekommen, habe gesagt: Die nimmt Du nicht mit. Er ri\u00df ihr die Puppe aus der Hand und zertrat sie mit seinem Stiefel.<\/p>\n<p>Abertham sehe immer noch schrecklich aus, aber das w\u00fcrde ich ja bald selber sehen. Sie habe sich angew\u00f6hnt, nicht mehr so genau hinzuschauen, wichtig seien ihr das Zusammentreffen mit den anderen, die wieder aufgebaute, renovierte Kirche, die Landschaft, das Teilen von Erinnerungen. Aber die Bitterkeit schwindet nicht ganz.<br \/>\nAbertham \u2013 ja, wie wird es sein f\u00fcr mich, dort zu stehen? An einem Ort, in dem meine Vorfahren gewohnt, gelacht, gearbeitet, gelitten haben? Die Wiesen zu sehen, \u00fcber die meine Oma gelaufen ist, die W\u00e4lder, durch die sie ging?<\/p>\n<p>Im Bus gibt es \u201eBrauscher\u201c, ein limonadenartiger Schnaps \u2013 eine Spezialit\u00e4t, die mein Ur-Ur-Gro\u00dfvater &#8211; Franz Gr\u00fcnwald &#8211; erfunden hat. Dann fahren wir durch St. Joachimsthal. Am Ortseingang gro\u00dfe Kurhotels, dann, zum Zentrum hin, wird der Ort sehr w\u00fcst. Typisch f\u00fcr St. Joachimsthal sind die kettenartig zusammengebauten H\u00e4user. Man sieht an der Bausubstanz, an den Verzierungen der Geb\u00e4ude, dass diese Stadt einst sch\u00f6n war, man kann es noch erahnen \u2013 heute br\u00f6ckeln Putz und Mauerwerk, die Farben sind alt und grau, kaputte Fensterscheiben, einsinkende D\u00e4cher, viele H\u00e4user stehen leer. Wir fahren durch Wald. Ganz in der N\u00e4he stand einst das Kloster Maria Sorg, zudem die Aberthamer an hohen Feiertagen in die Kirche gingen. Nach dem Krieg wurde es von den Russen als Pferdestall benutzt, dann geschleift. Die Marienfigur allerdings wurde gerettet und nach St. Joachimsthal verbracht, sie existiert noch heute.<\/p>\n<p>Wir passieren eine Stelle im Wald, an der fr\u00fcher ein Wirtshaus stand, in dem die Skifahrer oft Rast machten. Die Butter wurde im Winter drau\u00dfen gelagert, man konnte geschmierte Brote kaufen, und es hei\u00dft, die Wirtin haben die Butter im Mund weichgekaut, wenn sie zu fest zum Streichen war&#8230;<\/p>\n<p>Dann sind wir kurz vor Abertham. Auf der Rechten liegt ein Wald \u2013 wir erfahren, dass hier einst die Wiesen meines Ur-Ur-Gro\u00dfvaters und Urgro\u00dfvaters lagen. Hier war es, wo meine Oma beim Heumachen half. Nach dem Krieg wurden sie aufgeforstet, werden nun von Fichtenwald bedeckt. Einen Moment lang leuchtet die Kirche der Heiligen Vierzehn Nothelfer wei\u00df aus den H\u00e4usern. \u00dcbernachten werden wir in der Alten Post, heute Hotel, fr\u00fcher Bauernhof. Abertham sieht nicht so ganz schlimm aus wie St. Joachimsthal. Zwar stehen auch hier viele H\u00e4user leer, vor allem im Ortskern, aber viele sind auch bewohnt und renoviert, besonders in den Randbereichen. Das Elternhaus meiner Oma sehen wir an diesem Abend nicht mehr, wir wissen nur, dass es in der N\u00e4he der Kirche liegt, aber nicht, wo genau.<\/p>\n<p>Mein Vater und ich gehen nach dem Abendessen auf der Stra\u00dfe nach Hengstererben aus dem Ort hinaus. In Hengstererben gibt es kaum verfallene H\u00e4user, die meisten sind frisch renoviert, werden als Ferienh\u00e4user von Karlsbadern und Holl\u00e4ndern genutzt. Von einer geschlossenen Siedlung kann man kaum reden, die H\u00e4user liegen vereinzelt und verstreut.<\/p>\n<p>\u00dcber der Landschaft liegt ein Zauber. Das Land ist unheimlich weit, artenreiche Wiesen \u00fcberziehen die h\u00fcgelige Hochfl\u00e4che. Das abendliche Licht bringt die Wiesen zum Leuchten, die noch mit silbern schimmernden Regentropfen vom letzten Schauer bedeckt sind. Wilde Lupinen bl\u00fchen blau, orangerotes Habichtskraut und rosafarbener Vogelkn\u00f6terich bilden Farbtupfer im Gr\u00fcn. Unz\u00e4hlige weitere Blumen wachsen zwischen verschiedensten Gr\u00e4sern. Wir steigen auf einen kleinen H\u00fcgel, auf dem ein steinernes Kreuz steht, die Inschrift ist nicht mehr zu erkennen. Dunkle Wolken kontrastieren mit lichtem Himmelsblau, wir blicken auf den Ple\u00dfberg, \u00fcber dem ein Regenbogen steht. Ein leiser Wind weht, Stille, nur der Gesang von V\u00f6geln zwischen Kiefern, Fichten und Birken. Und diese weiten, weiten Wiesen, Himmel und Erde verschwimmen, werden eins. Unter unseren F\u00fc\u00dfen wachsen Heidekraut und Blaubeerstr\u00e4ucher. Eine sanfte Melancholie liegt \u00fcber dem Land, der Wind nimmt das Leid der Vergangenheit auf und webt es ein in das Bild, verweht die Bitterkeit, l\u00e4sst eine leise, klingende Schwermut \u00fcbrig. Wer sollte nicht Sehnsucht haben nach einer solchen Landschaft! Abertham liegt dort oben wie ein sicherer Horst und doch \u2013 auch hier gab es keine Sicherheit, kam der Unfrieden aus den T\u00e4lern, machte nicht Halt vor den Bergen, geschah unendliches Leid auch hier. Man m\u00f6chte es angesichts des Friedens dieser Landschaft kaum glauben, der die Herzen im Innersten erf\u00fcllt, der manches lindert, was an offenen und tradierten Wunden besteht. Nun verstehe ich, dass keine Landschaft anderswo von meiner Oma mehr als gleich sch\u00f6n, als ebenb\u00fcrtig empfunden werden konnte, dass die Sehnsucht nach den Weiten des Erzgebirge ein Leben lang anhielt. Auch am n\u00e4chsten Morgen singen V\u00f6gel, es schien mir, als h\u00e4tten sie die ganze Nacht ein Lied vom Frieden gesungen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag bleiben wir nicht in Abertham, sondern wollen das Kloster Osek besuchen, das ein St\u00fcck weit entfernt liegt. Wir brechen zeitig auf und fahren ein paar Stunden, passieren eine Braunkohle- und Industrieregion. Schlie\u00dflich erreichen wir das Kloster. Die Klosterkirche hat eine neue, strahlende Fassade, auch das direkt anschlie\u00dfende Nebengeb\u00e4ude sieht von au\u00dfen ganz passabel aus. Die weiteren Nebengeb\u00e4ude allerdings stehen leer, haben teils zerbrochene Scheiben, verfallen. Um 10 Uhr beginnt der Gottesdienst, an dem wir teilnehmen werden. Osek ist ein Zisterzienserkloster, wurde w\u00e4hrend der Zeit des Kommunismus als Internierungslager f\u00fcr Nonnen \u201egenutzt\u201c \u2013 viele starben, der Friedhof birgt heute an die 300 Gr\u00e4ber aus dieser Zeit. Die Klosterkirche ist im Inneren unglaublich reich geschm\u00fcckt, zu ihren Glanzzeiten mu\u00df sie phantastisch ausgesehen haben. Im Inneren jedoch wurde noch kaum etwas restauriert, das gr\u00f6\u00dfte Problem ist wohl die Feuchtigkeit in den W\u00e4nden. Im Anschlu\u00df erteilt uns der noch recht junge Pater seinen Primizsegen \u2013 dann f\u00fchrt er uns durch das Kloster. Sie sind nur zu zweit, der Abt, Abt Bernhard, kam 1990 dorthin, der Pater folgte sp\u00e4ter. Die Bev\u00f6lkerung in der Umgebung ist weitgehend atheistisch, und es ist schwer f\u00fcr sie, Zugang zur Bev\u00f6lkerung zu finden. Beide sind Deutsche, das mag ein zus\u00e4tzliches Hemmnis sein. So voll wie an diesem Tag war die Kirche schon lange nicht mehr, man merkt ihnen die Freude dar\u00fcber an, sonst kommt nur eine Handvoll Leute aus der Umgebung. Sie wissen ja, wer in dieser Gegend katholisch war, sagte der Pater und blickte auf die Aberthamer. Die Deutschen, die Katholiken also, wurden vertrieben. Allgemein hat der Kommunismus Spuren hinterlassen, der Glaube an Gott ist nicht sehr verbreitet.<\/p>\n<p>Wir sind zum Mittagessen eingeladen, der Abt freut sich sehr. Es gibt Schweinebraten mit b\u00f6hmischen Kn\u00f6deln (\u201eSchnapper\u201c, sagen die Aberthamer dazu, wie meine Oma, nirgendwo sonst habe ich bisher diesen Ausdruck geh\u00f6rt), zum Nachtisch Kuchen und Eis. Obwohl der Abt todkrank ist \u2013 er hat Krebs \u2013 ist er noch voller Lebensfreude und beweist mehrfach seinen rheinl\u00e4ndischen Humor.<br \/>\nZur\u00fcck nach Abertham fahren wir nicht dieselbe Strecke, sondern \u201eobenrum\u201c \u00fcbers Erzgebirge und \u00fcber Gottesgab, den Heimatort des Liederdichters Anton G\u00fcnther. In Gottesgab befindet sich sein Grab und ein Anton-G\u00fcnther-Wanderweg, die Grenze zu Sachsen ist ganz in der N\u00e4he. Wir fahren \u00fcber Seifen, das es nicht mehr gibt, und Hengstererben zur\u00fcck nach Abertham.<\/p>\n<p>Bis zum Kirchgang in der Aberthamer Kirche um 18 Uhr, der das Aberthamer Fest einl\u00e4utet, bleibt noch ein wenig Zeit. Mein Vater und ich verlassen den Ort zu einem kleinen Spaziergang, vorbei an der ehemaligen Handschuhfabrik am Ortseingang, die heute leersteht.<br \/>\nAn einem verfallenen Bauernhof vorbei f\u00fchrt ein Erzgebirge-Lehrpfad, neue zweisprachige Tafeln erkl\u00e4ren die Geschichte der Handschuhproduktion. An einem nahegelegenen W\u00e4ldchen nehme ich Walderde auf, f\u00fcr das Grab meiner Oma. Die Erde ist ganz leicht, die oberste Schicht, wiegt kaum etwas. Die freie Zeit ist um \u2013 wir gehen zur\u00fcck, ziehen uns f\u00fcr den Kirchgang um. Den Gottesdienst h\u00e4lt ein junger Pfarrer, der mit uns im Bus gekommen ist und dessen Oma aus Hengstererben stammt.<\/p>\n<p>Die Kirche wurde nach 1990 haupts\u00e4chlich mit Spendengeldern der ehemaligen Aberthamer B\u00fcrger und der Bist\u00fcmer Rottenburg-Stuttgart und Freising au\u00dfen und innen renoviert, das Dach neu eingedeckt. Die Kirche der Heiligen 14 Nothelfer ist eine kleine Kirche mit einer niedrigen Kassettendecke, aber reich ausgestaltet. Hinter dem Altar befinden sich hinter Glas Holzschnitzereien der Heiligen 14 Nothelfer. Die Kirche wirkt insgesamt wie eine gro\u00dfe Wohnstube, ein Ort, an dem man sich zu Hause f\u00fchlen kann, und ist es heute wohl erst recht \u2013 f\u00fcr die Menschen, die hierher zur\u00fcckkommen, denen aber ihre alten Elternh\u00e4user kein zu Hause mehr bieten. Fr\u00fcher war die Kirche Mittelpunkt des d\u00f6rflichen Lebens.<\/p>\n<p>Nach dem Kirchgang gab es Abendessen und einen Heimatabend auf dem Ple\u00dfberg. Wir h\u00f6rten einen Vortrag \u00fcber Anton G\u00fcnther und Liedbeispiele, auch gesungen wurde \u2013 der Vuglbeerbaam, nicht von G\u00fcnther, und Of de Bargh, do is halt lustig, musikalisch untermalt von einer bayrischen Saitenmusikgruppe, die auch schon in der Kirche gespielt hatte. Ein junger Tscheche stellte kurz die Gruppe Antikomplex vor, die die deutsche Vergangenarbeit aufarbeitet und die Erinnerung an ihre Landsleute weitergibt.<\/p>\n<p>An unserem Tisch sa\u00df eine ehemalige Klassenkameradin meiner Oma, die allerdings kaum noch Erinnerungen an meine Oma hatte, und ein sehr nettes Ehepaar, das Abertham erst 1967 verlassen durfte. Sie erz\u00e4hlten uns Hintergr\u00fcnde zu der geplanten Massenerschie\u00dfung auf dem Dorfplatz, von der auch meine Oma gesprochen hatte. Ein junger Kommunist aus B\u00e4rringen, dem Nachbarort, war 1938 vor den Nazis nach Russland geflohen und kam 1945 als Kommandant (?) der Roten Armee zur\u00fcck. Als die Tschechen die Dorfbev\u00f6lkerung zusammentrieben, gelang es, ihn rechtzeitig \u00fcber die Vorg\u00e4nge zu informieren. Er fuhr sofort nach Abertham und verhinderte die Erschie\u00dfung.<br \/>\nAber zu einzelnen Erschie\u00dfungen kam es oft. Sie klingelten an Haust\u00fcren, nach dem \u00d6ffnen wurden viele erschossen. Auch von der ermordeten Lehrersfamilie sprachen sie.<br \/>\nSie erz\u00e4hlten auch von einigen anderen Erlebnissen aus der Zeit bis \u00b467. Er war zun\u00e4chst im Lager, wurde dann zur tschechischen Armee eingezogen. Als er wegen einer Augenverletzung operiert werden musste, sagte der Arzt zuvor zu ihm: Sie sind Deutscher? Deutsche sehe ich sehr gerne \u2013 am liebsten zwei Meter unter der Erde. Aber die Operation wurde sorgf\u00e4ltig durchgef\u00fchrt.<br \/>\nAuch an meine Familie erinnerten sie sich. Seine Frau schw\u00e4rmte von der Schoko-Limonade, die es nur manchmal gegeben habe, und die alle Kinder am liebsten gemocht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Tag nun, der Sonntag, war der eigentliche \u201eAberthamer Tag\u201c. Morgens wieder Gottesdienst, diesmal zweisprachig, da der Bischof aus Pilsen anwesend war sowie der tschechische Pfarrer, der auch f\u00fcr die Aberthamer Gemeinde zust\u00e4ndig ist \u2013 auch hier allerdings gibt es nur wenige Katholiken, vor allem Deutsche, die dageblieben sind, weil sie tschechische Ehepartner hatten oder beruflich spezialisiert und daher unabk\u00f6mmlich. Wieder wirkte die Kirche mehr wie eine Wohnstube, anheimelnd, nicht einsch\u00fcchternd, erdr\u00fcckend oder n\u00fcchtern, nicht so abweisend, aber auch nicht so \u201eheilig\u201c wie manche andere Kirche.<\/p>\n<p>Zum Mittagessen fuhren wir nach Platten, danach stand freie Zeit in Abertham zur Verf\u00fcgung. W\u00e4hrend wir vor der Kirche auf unseren Verwandten warteten, der sich sehr f\u00fcr die Instandsetzung und \u2013haltung der Kirche einsetzt und daher den Dachstuhl wieder einmal besichtigen musste, unterhielten wir uns mit einer Frau, die damals schr\u00e4g gegen\u00fcber meiner Familie gelebt hatte. Sie erinnerte sich noch gut an den Vater meiner Oma, sie sagte, er sei sehr g\u00fctig gewesen und habe Kinder sehr gern gemocht. Auch sie erz\u00e4hlte von den Limonaden, Limonaden in allen Farben habe es gegeben, auch in kornblumenblau. Auch in der Theaterspielgruppe des Ortes sei er gewesen, die ab und an sogar vor dem verw\u00f6hnten Karlsbader Publikum im dortigen Theater auftrat.<\/p>\n<p>Ihr eigener Vater wurde von Tschechen zusammengepr\u00fcgelt, er sei Treppen heruntergeworfen worden und immer wieder in den Leib getreten worden. Er wurde zum Invaliden, konnte nichts mehr tun, nicht mehr arbeiten.<br \/>\nWieder einmal fragte ich mich, woher diese Menschen die Kraft nehmen, an Orte zur\u00fcckzukehren, an denen solches geschehen ist. Wie sie es schaffen, davon zu erz\u00e4hlen, sich zu erinnern. Wie furchtbar mu\u00df es gewesen sein, solches mitzuerleben. Abertham \u2013 auch ein Ort des Schreckens&#8230;<\/p>\n<p>Dann gehen wir auf den Friedhof. Fast alle Gr\u00e4ber tragen deutsche Namen, die tschechischen Toten sind in Urnengr\u00e4bern begraben. Manche Gr\u00e4ber sind neu hergerichtet, manche alt und verfallen. Die Friedhofsmauer ist in Teilen eingest\u00fcrzt und zerbr\u00f6ckelt. Man sieht die Kirche von hier aus wei\u00df im Ort leuchten.<br \/>\nDann gehen wir vorbei am alten Schulhaus, das heute Gemeindehaus ist und im ersten Raum eine Ausstellung zur Aberthamer Geschichte mit alten Fotografien birgt, zum Elternhaus meiner Oma. Ein gro\u00dfes Haus, grau, auf der Vorderseite befindet sich eine Holzverkleidung im oberen Teil. Uns wird erz\u00e4hlt: unten links war die Gaststube, unten rechts die Tabak-Traffic, dahinter die K\u00fcche. Im hinteren Teil des Erdgeschosses befand sich die Bier- und Limonadenabf\u00fcllung, dahinter lag der Stall f\u00fcr die K\u00fche und das Pferd.<br \/>\nOben links lebten die Gro\u00dfeltern, oben rechts die Familie meiner Oma, Vater, Mutter, die f\u00fcnf Geschwister. Auch einen Heuboden gab es.<br \/>\nVon ferne wirkt das Haus gar nicht sehr kaputt \u2013 aber wenn man n\u00e4her kommt, sieht man den Verfall. Der Putz br\u00f6ckelt und legt teilweise Mauerwerk frei, das Dach senkt sich, Scheiben sind zerbrochen. Oben rechts ist ein kleiner Teil bewohnt, alles andere steht leer. Wir blicken durch die Fenster auf die fr\u00fchere Gaststube \u2013 alles ist dunkel und leer. Wir gehen ums Haus herum, werfen einen kurzen Blick in den Flur. Die von der Stra\u00dfe aus rechte Seite und die R\u00fcckwand sehen noch mal ein ganzes St\u00fcck schlimmer aus, der Garten ist heute geteilt und geh\u00f6rt zu anderen H\u00e4usern.<\/p>\n<p>Unser Verwandter erz\u00e4hlt noch einiges zur Geschichte der Familie: mein Ur-Ur-Gro\u00dfvater, kam Anfang des 20. Jahrhunderts aus Winterberg (heute: Vimperk) als Chorregent in den Ort. Er heiratete und konnte von seinem Beruf nicht leben, keine Familie ern\u00e4hren. Er leitete mehrere Ch\u00f6re in der Umgebung, gab zun\u00e4chst zus\u00e4tzlich Geigen-, Cello- und Klavierunterricht, dann erwarb er das Haus und er\u00f6ffnete eine Gaststube, \u201eZur Linde\u201c. Dazu kam eine Tabak-Traffic, und er fing an, Bier in F\u00e4ssern zu kaufen und in Flaschen abzuf\u00fcllen sowie Limonade selbst herzustellen, die Getr\u00e4nke dann auch auszufahren. Anfangs hatte er daf\u00fcr einen damals schon museumsreifen LKW, dann Pferd und Wagen.<\/p>\n<p>Sein \u00e4ltester Sohn, der Vater meiner Oma, \u00fcbernahm alle dies und war ebenfalls Chorregent von vier Ch\u00f6ren. Dessen \u00e4ltester Sohn wiederum studierte Musik, bis er eingezogen wurde und fiel. Jedes der Kinder musste mindestens ein Instrument lernen, meine Oma lernte Klavier zu spielen.<\/p>\n<p>Dann gingen mein Vater und ich allein weiter. Zun\u00e4chst noch mal zur\u00fcck zum Haus, danach \u00fcber den Friedhof auf die Wiesen. Wieder die beeindruckende Weite des Landes, die Vogelbeerb\u00e4ume, das leuchtende, helle Gr\u00fcn frisch gem\u00e4hter Wiesen. Pl\u00f6tzlich kommen mir die Tr\u00e4nen. Nach dem Kirchgang hatte ich noch gedacht, meiner Oma h\u00e4tte es doch gefallen, einmal wieder zur\u00fcckzufahren, die Kirche zu sehen, sich auszutauschen, die herrliche Landschaft noch einmal zu erleben. Aber das Haus&#8230;<\/p>\n<p>Die ganze Familie hat stets gearbeitet, auch die Kinder schon, meine Oma war immer bem\u00fcht, alles sch\u00f6n und sauber zu haben, unheimlich flei\u00dfig. Und sie hat so oft von ihrem Elternhaus erz\u00e4hlt. Nun das, verfallen, leer, dunkel, nahezu unbewohnt. Oder w\u00e4re es vielleicht f\u00fcr sie schwerer gewesen, das Haus bewohnt, renoviert, vielleicht umgebaut wiederzufinden? Zeigt das Verfallen nicht doch, dass ein Platz, eine L\u00fccke frei blieb, die nicht mehr aufgef\u00fcllt wurde? Aber ich glaube, der Schmerz w\u00e4re unheimlich gro\u00df gewesen, und ich dachte an die Frau, die zwei Tage lang geweint hatte. Ein \u201eJerumsnei\u201c, wie es meine Oma oft gesagt hatte, wenn irgendwas passierte, h\u00e4tte daf\u00fcr nicht mehr ausgereicht.<\/p>\n<p>Auf der Wiese unter einem Vogelbeerbaum entnahm ich Aberthamer Wiesenerde, schwer und dunkel, mischte sie mit der Walderde. Wir gingen weiter und die Landschaft wirkte wieder mit ihrem Zauber, tr\u00f6stete, heilte, auch den Schmerz dar\u00fcber, einen f\u00fcr mich so wichtigen Menschen verloren zu haben, linderte den Schmerz, die Emp\u00f6rung, was man Menschen angetan hatte, die es nicht verdient hatten, dass man so mit ihnen umging. Auch die Erinnerung an die vielen Gespr\u00e4che war wieder aufgebrochen, die wir gef\u00fchrt hatten, \u00fcber alles m\u00f6gliche, meine eigenen Probleme, \u00fcber die Gesellschaft, \u00fcber Politik, \u00fcber die Schule, Streit, den ich hatte, \u00fcber meine Tiere, den Wald und die Natur. All das wird f\u00fcr mich nun immer auch mit dieser Landschaft verbunden bleiben \u2013 wenn ich an meine Oma denke, denke ich an die weiten, gr\u00fcnen Wiesen, den Regenbogen \u00fcber dem Ple\u00dfberg.<\/p>\n<p>Am Abend klang der Tag beim Abendessen in der Alten Post aus, der n\u00e4chste Morgen brachte den Abschied. Wir blieben ein paar Stunden in Karlsbad. Die Karlsbader Innenstadt ist sehr sch\u00f6n wiederhergestellt \u2013 dann ging es zur\u00fcck, mit vielen Gedanken, Bildern, und: Aberthamer Erde. Am Sonntag darauf war ich bei meinen Eltern, ging mit meiner Mutter zum Grab, verteilte die Erde von Abertham, sang das Lied \u201eOf de Bargh, do is halt lustig\u201c. Es war eine innere Verpflichtung, das zu tun, eine Erf\u00fcllung, ein Kapitel ist zu Ende gegangen. Jetzt liegt es an mir, ein eigenes, neues Verh\u00e4ltnis zu Abertham zu finden, die Erlebnisse, Erfahrungen und Gef\u00fchle, den Schmerz meiner Oma \u00fcber den Heimatverlust Geschichte sein zu lassen, die Wunden in der Familie heilen zu lassen. Sie hat Frieden gefunden, eine Seele, aufgegangen im G\u00f6ttlichen, kennt keine L\u00e4ndergrenzen, kennt nicht Gegenwart und Vergangenheit, hat die Heimat ihrer Sehnsucht wiedergefunden, alles ist eins.<br \/>\nIch werde wieder hinfahren \u2013 vielleicht zum n\u00e4chsten Aberthamer Fest im kommenden Juni, sicher aber einmal \u2013 oder auch \u00f6fter \u2013 zum Wandern.<\/font><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><font face=\"Arial,Helvetica,Geneva,Swiss,SunSans-Regular\" size=\"1\"><em><br \/>\nZu den Geschehnissen nach Kriegsende l\u00e4\u00dft sich sagen, da\u00df alles hier Niedergeschriebene auf Erz\u00e4hlungen von Zeitzeugen beruht und demzufolge nach all dieser Zeit keine detailgetreue Wiedergabe mehr sein kann. Die Ermordung der Lehrersfamilie sowie der Bericht, eine Massenerschie\u00dfung sei geplant gewesen, tauchen in allen Erz\u00e4hlungen auf, allerdings mit Variationen in den Details. Ich war 2011 nochmals in Abertham, und deutliche Variationen treten selbst in den Erz\u00e4hlungen einer einzelnen Person auf. Die genaue historische Faktenlage herauszufinden, ist mir als Nicht-Historikerin nicht m\u00f6glich.<\/em><\/font><br \/>\n<font face=\"Arial,Helvetica,Geneva,Swiss,SunSans-Regular\" size=\"2\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abertham, Juni 2007 Abertham wurde 1529 gegr\u00fcndet und 1579 zur Stadt erhoben. Zun\u00e4chst wurden Zinn und Silber gewonnen, vom Bergbau k\u00fcndet auch das Aberthamer Wappen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":163,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[34,43,38,35,44,36,42,41,39,37,33,40],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/157"}],"collection":[{"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=157"}],"version-history":[{"count":31,"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/157\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4887,"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/157\/revisions\/4887"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=157"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=157"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/waldesleuchten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=157"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}