{"id":171,"date":"2011-07-13T17:50:38","date_gmt":"2011-07-13T17:50:38","guid":{"rendered":"http:\/\/waldesleuchten.de\/?p=171"},"modified":"2018-05-23T18:01:23","modified_gmt":"2018-05-23T18:01:23","slug":"meisnernacht-nachtgedanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waldesleuchten.de\/?p=171","title":{"rendered":"Mei\u00dfnernacht &#8211; Nachtgedanken"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/Mond_klein.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/Mond_klein.jpg\" alt=\"Mond hinter B\u00e4umen\" title=\"Mond\" width=\"225\" height=\"286\" class=\"alignright size-full wp-image-303\" \/><\/a><br \/>\n<font face=\"Arial,Helvetica,Geneva,Swiss,SunSans-Regular\" size=\"2\"><br \/>\nNebel.<br \/>\nDichter Nebel empf\u00e4ngt uns auf dem Hohen Mei\u00dfner. Dunkelheit und feuchte K\u00e4lte, ein scharfer Kontrast zum hell-warmen Bustransfer vom Ludwigstein aus. Ein Nebel von der Art und Weise, wie er sich auch an sonst klaren N\u00e4chten an Bergkuppen sammelt und verdichtet.<br \/>\nAuf kurzem Weg gehen wir von der Stra\u00dfe zum Gedenkstein, wo uns eine unerwartete \u00dcberraschung empf\u00e4ngt: ein Tonband, auf dem jeder seine Botschaft f\u00fcr die Mei\u00dfnerfeier 2013 hinterlassen soll. Jetzt merkt man deutlich, dass der lange diskussionsreiche Tag schon Spuren an der F\u00e4higkeit zu spontanen Geistesblitzen hinterlassen hat. Ich muss an einen k\u00fcrzlich geh\u00f6rten Vortrag denken, in dem erl\u00e4utert worden war, dass Bilder und Worte mit starker Symbolkraft nur selten v\u00f6llig spontan entstehen, sondern intensiver Vorbereitung bed\u00fcrfen. Bewegend aber die Frage: wird das Tonband f\u00fcnf Jahre Eingegrabensein in der N\u00e4he des Gedenksteins \u00fcberstehen? Was werden sich die Feiernden beim Abh\u00f6ren denken?<!--more--><\/p>\n<p>Dann klingen einzelne Lieder in die Nacht hinaus, treffen sich mit den grauen Nebelschleiern, die jedes Ger\u00e4usch abd\u00e4mpfen, bis es vollst\u00e4ndig verklingt. Nebeln\u00e4chte sind stille N\u00e4chte.<br \/>\nDie Wanderung zur\u00fcck zum Ludwigstein beginnt \u2013 17 km sollten es werden. Die Frage, warum die Ankunft gegen 8 Uhr morgens angesetzt war, sollte sich im Lauf der Nacht noch deutlich genug beantworten.<br \/>\nWie w\u00fcrde es sein, mit einer so gro\u00dfen und mir nahezu unbekannten Gruppe durch die Nacht zu wandern? Es ist lange her, geht auf meine Schulzeit zur\u00fcck, das letzte mal mit so vielen Menschen gemeinsam drau\u00dfen unterwegs gewesen zu sein, sp\u00e4ter fast immer allein oder in<br \/>\neiner Kleingruppe. Schon damals hatte ich den Alleingang als eine eigene, ganz besondere Erlebniswelt entdeckt, denke nun zur\u00fcck an andere, vergangene N\u00e4chte in Wald und Natur.<\/p>\n<p>Ja, es ist anders. Man sp\u00fcrt den Wald nicht so intensiv, nimmt seine feinen Ger\u00e4usche und Stimmungsschwankungen nicht wahr, die \u00fcberlagert werden von menschlichem Zusammensein, Schritten, Worten. Der Wald als komplexes Lebewesen zieht sich zur\u00fcck und wird Kulisse, B\u00fchne f\u00fcr den Menschen als Gruppenwesen, baut einen Kontrast, eine Trennlinie auf, die eine gr\u00f6\u00dfere Menschenzahl wohl nur schwer \u00fcberschreiten kann.<\/p>\n<p>Der Nebel bleibt allm\u00e4hlich genauso zur\u00fcck wie die Lichter der Stra\u00dfenlaternen und eines einzelnen Hauses auf der Kuppe. Gespr\u00e4che verwickeln sich, anfangs noch zu den Themen des Tages, werden dann aber intensiver und pers\u00f6nlicher, gleiten auf andere Ebenen ab, suchen Gemeinsames und Trennendes zu bestimmen, weisen auf Verbundenheiten und Sympathien trotz mancher \u2013 auch scharfer \u2013 Gegens\u00e4tze. Der Weg ist leicht zu gehen, ein breiter Waldweg mit einzelnen betonierten Abschnitten. In der jetzt klaren Nacht scheint immer wieder der Mond durch die St\u00e4mme. Es ist eine von den N\u00e4chten, in denen man Schatten wirft. An einer Kiesgrube machen wir halt und singen, das Mondlicht beleuchtet Boden und Gesichter. Einzelne Nebelfetzen tauchen im Gegenlicht auf und ziehen wie ein kurzer Hauch vorbei.<\/p>\n<p>Dann gehen wir weiter. Nach einiger Zeit ver\u00e4ndert sich der Untergrund. In den letzten Wochen m\u00fcssen Holzf\u00e4llarbeiten stattgefunden haben, die Wege sind zerfurcht von den R\u00e4dern schwerer Fahrzeuge, die Erde ist mit \u00c4sten, Zweigen und Steinen \u00fcbers\u00e4t. Der Regen der vergangenen Tage tut sein \u00dcbriges \u2013 das Gehen beginnt, Konzentration zu fordern, wird stellenweise zum Tasten und Stolpern, immer wieder rutschen die F\u00fc\u00dfe auf feuchtem Holz oder an Furchenr\u00e4ndern ab. Die Gespr\u00e4che werden leiser und unterbrochener, gleichzeitig nimmt die Schw\u00e4rze der Nacht zu, n\u00e4hert sich ihrer tiefsten Finsternis. Wir legen eine Vesperpause ein, allm\u00e4hlich machen sich M\u00fcdigkeit und Mangel an Schlaf bemerkbar.<\/p>\n<p>Weiter geht es auf schwierigem Untergrund. Der dichte Fichtenwald erzeugt eine Dunkelheit, die die Augen kaum noch durchdringen k\u00f6nnen. Immer wieder passiert es, dass man einen Stehenbleibenden nicht bemerkt und mit ihm zusammenst\u00f6\u00dft. Die Gespr\u00e4che ver\u00e4ndern sich, drehen sich um blendende Fackeln an der Gruppenspitze oder ebensolche, zeitweise aufblinkende Taschenlampen. Irgendwann setzt die Erkenntnis ein: ein falscher Abzweig, fehlgegangen.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich wird klar, warum f\u00fcr 17 km eine ganze Nacht eingeplant worden war. Es wird der Entschluss gefasst, die n\u00e4chste Fahrstra\u00dfe aufzusuchen und dort bis zum n\u00e4chsten Abzweig Richtung Ludwigstein zu gehen. Zwar w\u00fcrde das den Weg verl\u00e4ngern, aber man k\u00e4me auch<br \/>\nschneller voran. Und wirklich \u2013 eine Erleichterung, auf Asphalt gehen zu k\u00f6nnen, ohne zu rutschen, zu gleiten und zu stolpern. Jetzt klingen auch wieder einige Lieder auf, der Abzweig zum Ludwigstein ist schneller erreicht als zun\u00e4chst angenommen. Nun folgen nochmals einige Kilometer auf zwar dunklen, aber guten Waldwegen. Ein kurzes Zwischenspiel wartet noch auf uns: einer der beiden begleitenden Hunde ist verloren gegangen, ein kleiner wei\u00dfer Chihuahua. Keine ungef\u00e4hrliche Situation f\u00fcr so einen winzigen Hund im n\u00e4chtlichen Wald \u2013 aber gl\u00fccklicherweise ist er schon bald wieder aufgefunden, hatte nur das Tempo nicht mehr mithalten k\u00f6nnen und begleitet uns von nun an in der Tragetasche seiner Besitzerin.<\/p>\n<p>Noch ein paar letzte Steigungen, dann sehen wir den Ludwigstein vor uns. \u00dcber die letzte Wiese gehen wir in der beginnenden Morgend\u00e4mmerung hinauf, und es ist wie bei jeder Ankunft an jenem Ort eine Art Heimkommen, ein Gef\u00fchl des Dort-hin-Geh\u00f6rens, Beheimatetseins, die letzten Meter zu gehen, den Burghof zu betreten.<\/p>\n<p>Die Mei\u00dfnernacht klingt aus im Gedenkraum f\u00fcr die gefalllenen Wanderv\u00f6gel der letzten beidenWeltkriege. F\u00fcr viele von uns bedeutete schon die n\u00e4chtliche Wanderung in einem uns friedlich umgebenden, schweigenden, gefahrlosen Wald M\u00fche und Anstrengung \u2013 was haben jene Wanderv\u00f6gel vor ihrem gewaltsamen Sterben erlebt? Vielleicht ebenfalls n\u00e4chtliche W\u00e4lder, aber W\u00e4lder der Feindseligkeit und des Todes?<\/p>\n<p>Dankbar, im Frieden aufgewachsen zu sein und leben zu k\u00f6nnen, singen wir \u201eSchlie\u00df Aug und Ohr\u201c, anschlie\u00dfend \u201eWas lie\u00dfen jene\u201c. Waren auch jene Wanderv\u00f6gel \u201eletztes Scheit\u201c gewesen \u2013 und wof\u00fcr?<\/p>\n<p><em>Isabel Sahm, geschrieben nach der <a href=\"http:\/\/www.burgludwigstein.de\/Meissnernacht.143.0.html\" target=\"_blank\">Mei\u00dfnernacht<\/a> im Oktober 2008 auf Burg Ludwigstein, ver\u00f6ffentlicht in <a href=\"http:\/\/www.kulturinitiative-lebendig-leben.de\/KI_WEB\/I&#038;B.htm\" target=\"_blank\">&#8222;Idee und Bewegung&#8220;<\/a>, Heft 84, Dezember 2008, S. 50<\/em><\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nebel. Dichter Nebel empf\u00e4ngt uns auf dem Hohen Mei\u00dfner. Dunkelheit und feuchte K\u00e4lte, ein scharfer Kontrast zum hell-warmen Bustransfer vom Ludwigstein aus. 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