{"id":791,"date":"2011-11-30T21:52:38","date_gmt":"2011-11-30T21:52:38","guid":{"rendered":"http:\/\/waldesleuchten.de\/?p=791"},"modified":"2018-05-23T18:06:24","modified_gmt":"2018-05-23T18:06:24","slug":"gedanken-an-den-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waldesleuchten.de\/?p=791","title":{"rendered":"Gedanken an den Tod"},"content":{"rendered":"<p><font face=\"Arial,Helvetica,Geneva,Swiss,SunSans-Regular\" size=\"2\"><br \/>\nDer November wird nicht nur Nebelmonat, sondern h\u00e4ufig auch Totenmonat genannt, und es hei\u00dft, um diese Zeit st\u00fcrben mehr Leute als zu anderen Zeiten im Jahr. Auch mein Vater wurde in einem November dem Leben entrissen, er starb vor drei Jahren \u201enach kurzer schwerer Krankheit\u201c, es war damals der erste Advent. Im Tod eines nahen Angeh\u00f6rigen begreifen wir den Tod als Feind, als jemanden, der in unser Leben greift und uns eine uns wichtige Person entrei\u00dft. Im Fall des Vaters eine, ohne die das eigene Leben nie gewesen war, und ohne dessen Liebe das eigene Leben nie gewesen war. Mein Vater war ein besonderer Mensch, kein autorit\u00e4rer Vater, sondern auf eine ganz besondere Weise gut, im wahrsten Sinne des Wortes. Er war liberal auf eine altmodische, liebenswerte Weise, eine Weise, wie man sie heute mit dem Wort \u201eliberal\u201c nicht mehr verbinden mag, das nur noch Egoismus, Ellenbogen, K\u00e4lte und zahnpastal\u00e4chelnde Selbstdarstellung auszustrahlen scheint.<!--more--><\/p>\n<p>Diese alte Form des Liberalismus war das Gegenteil davon: verantwortungsbewu\u00dft, sich selbst zur\u00fccknehmend, verst\u00e4ndnisvoll, humanistisch gebildet und auf eine sachliche Weise tolerant. So war mein Vater, dar\u00fcber hinaus von innen her Christ im besten Sinne, nicht im Sinne einer strikten Wort- oder papierenen Bibelgl\u00e4ubigkeit, sondern die Ideale lebend oder zu leben versuchend.<br \/>\nAls er starb, habe ich das erste Mal erfahren, da\u00df ein solcher Schmerz \u00fcber den Tod nicht nur ein seelischer, psychischer Schmerz ist, sondern da\u00df er physisch wird, physisch erlebbare Schmerzen ausl\u00f6st, in den N\u00e4chten, in denen sich die Tr\u00e4nen, tags\u00fcber bem\u00fcht zur\u00fcckgehalten, um den anderen ihren Schmerz nicht noch schwerer zu machen, nicht mehr zur\u00fcckhalten lassen. Nicht, da\u00df es der erste Tod war &#8211; schon als Kind wurde man ja damit konfrontiert, wie geliebte Haustiere starben und nicht mehr wiederkehrten, sp\u00e4ter starben auch Menschen, die einem nahestanden. Aber der Tod eines Elternteils ist etwas anderes, weil er einen in der Generationenkette um ein St\u00fcck verr\u00fcckt, einen nicht dort l\u00e4\u00dft, wo man vorher stand \u2013 als Kind. Sp\u00e4testens jetzt mu\u00df man erwachsen werden, vielleicht auch das ein St\u00fcck von dem Schmerz, den der Tod \u2013 als Feind \u2013 in das eigene Leben gerissen hat.<\/p>\n<p>Und wie damit umgehen? Wo findet man Trost oder Halt? Der Gedanke, da\u00df der Tod nicht nur Feind, sondern auch Freund ist, hilft dabei. Feind f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen, die zur\u00fcckbleiben, aber f\u00fcr denjenigen, der gestorben ist, vielleicht auch und gerade Erl\u00f6sung von einem Leben, dem unweigerlich schweres Leiden gefolgt w\u00e4re, vielleicht auch Erl\u00f6sung davor, Dinge zu sehen, die die Zukunft in der eigenen Umgebung, Familie oder im Heimatland anrichten wird.<\/p>\n<p>Als Freund hatte ich den Tod schon vor Jahren akzeptieren k\u00f6nnen, er wurde mein Begleiter auf zahlreichen Alleing\u00e4ngen in der Bergwelt. Die Anziehungskraft der Berge, die Faszination und Sucht nach dem Bergerlebnis ist wahrscheinlich immer zumindest ein St\u00fcck weit der N\u00e4he des Todes geschuldet. Ein falscher Griff, ein falscher Tritt, ein Stolpern und Fallen am falschen Platz, ein falsch ausgel\u00f6ster Stein, ein rutschiges Wegst\u00fcck, ein Blitz, der an der falschen Stelle durch die Felsen zuckt \u2013 und der Tod w\u00e4re da, w\u00fcrde seine Hand reichen und einen mit sich nehmen. Der Blick in den Abgrund offenbart seine N\u00e4he, und so manches Mal, wenn einem das Leben im Tal zur H\u00f6lle wurde, zog einen der Tod in die Berge, sog einen an mit seinen schroffen Felsen und seiner Naturgewalt. Auf der anderen Seite steht im Alleingang die Suche nach dem G\u00f6ttlichen, nur scheinbarer Kontrast zur Pr\u00e4senz des Todes, denn das G\u00f6ttliche entstammt demselben Ursprung, wird nur gedacht als sch\u00f6ner Gegenpart, ist aber faktisch nichts anderes als Tod, der Leben in sich tr\u00e4gt. Das G\u00f6ttliche ist das Licht, ist Himmel und Weite und Sehnsucht, der Tod ist der Weg dorthin, der Weg ins Licht, das Einswerden mit allem, was ist, das dem Lebenden versagt bleibt. In der Vereinigung von Tod und G\u00f6ttlichem liegt das eigentliche Leben, das, aus dem alles hervorgeht und wieder vergeht \u2013 der ewige Kreislauf der Natur, vielleicht nur in den Bergen so nahe und verst\u00e4ndlich, vielleicht auch auf dem Meer, mir jedoch fremd.<\/p>\n<p>Mit dem Blick in den Abgrund, in den Tod, wird einem das Leben pr\u00e4sent, wird der Lebenswille auf eine Weise gesch\u00e4rft, die jedes Details des K\u00f6rpers erfa\u00dft, jedes Molek\u00fcl, jedes Atom, jede Elektronenwolke. Leben! Leben! Leben! Die Weite am Gipfel, dem G\u00f6ttlichen so nahe, nach den H\u00e4ngen, die einem dem Tod nahe sein lie\u00dfen, ohne den man nie erfahren h\u00e4tte, was Leben, Lebenswillen hei\u00dft, ein Erlebnis, das einen sch\u00fctzt vor allem Unbill, das das Leben mit sich bringt, weil es sich wachrufen l\u00e4\u00dft, immer und immer wieder, einem Kraft gibt, einen aufrichtet. Nur durch den Tod als Begleiter wird das Leben intensiv, und so verhindert der Tod sich selbst, indem er mit dem Lebenswillen das Aufgeben bek\u00e4mpft und dennoch beruhigend im Hintergrund steht \u2013 es kann nichts schiefgehen, denn wenn es gar nicht mehr ginge, w\u00e4re er da.<\/p>\n<p>Den Tod als Freund zu akzeptieren, bedeutet auch, Vertrauen zu entwickeln, da\u00df er es ist, der den richtigen Zeitpunkt kennt, und man ihm nicht hineinreden oder einen falschen Zeitpunkt herbeiw\u00fcnschen sollte. Er, der Vater des Lebens, des Lebenswillens, ist dann da, wenn es Zeit ist, und bis dahin wird das Leben nie mehr an Schwierigkeiten und Schmerz bereithalten, als man zu bew\u00e4ltigen vermag.<br \/>\nEs gibt ein Gedicht von Adalbert von Chamisso, das zwar nicht den Tod besingt, aber doch die F\u00e4higkeit, zu dulden und zu ertragen, soviel einem vorherbestimmt ist \u2013 es ist nicht m\u00f6glich, mit Vertrauen in das G\u00f6ttliche und den Tod \u00fcber die Grenzen der eigenen Kraft hinaus belastet zu werden.<br \/>\nDieses Gedicht sei darum als Kraft- und Vertrauensspender an den Schlu\u00df gestellt:<\/p>\n<p><em>Adalbert von Chamisso<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Kreuzschau (1834)<\/strong><\/p>\n<p>Der Pilger, der die H\u00f6hen \u00fcberstiegen,<br \/>\nSah jenseits schon das ausgespannte Thal<br \/>\nIn Abendglut vor seinen F\u00fc\u00dfen liegen.<br \/>\nAuf duft&#8217;ges Gras, im milden Sonnenstrahl<br \/>\nStreckt er ermattet sich zur Ruhe nieder,<br \/>\nIndem er seinem Sch\u00f6pfer sich befahl.<br \/>\nIhm fielen zu die matten Augenlider,<br \/>\nDoch seinen wachen Geist enthob ein Traum<br \/>\nDer ird&#8217;schen H\u00fclle seiner tr\u00e4gen Glieder.<br \/>\nDer Schild der Sonne ward im Himmelsraum<br \/>\nZu Gottes Angesicht, das Firmament<br \/>\nZu seinem Kleid, das Land zu dessen Saum.<br \/>\n\u00bbDu wirst dem, dessen Herz dich Vater nennt,<br \/>\nNicht, Herr, im Zorn entziehen deinen Frieden,<br \/>\nWenn seine Schw\u00e4chen er vor dir bekennt.<br \/>\nDa\u00df, wen ein Weib gebar, sein Kreuz hienieden<br \/>\nAuch duldend tragen mu\u00df, ich wei\u00df es lange,<br \/>\nDoch sind der Menschen Last und Leid verschieden.<br \/>\nMein Kreuz ist allzu schwer; sieh&#8216;, ich verlange<br \/>\nDie Last nur angemessen meiner Kraft;<br \/>\nIch unterliege, Herr, zu hartem Zwange.\u00ab<br \/>\nWie so er sprach zum H\u00f6chsten kinderhaft,<br \/>\nKam brausend her der Sturm und es geschah,<br \/>\nDa\u00df aufw\u00e4rts er sich f\u00fchlte hingerafft.<br \/>\nUnd wie er Boden fa\u00dfte, fand er da<br \/>\nSich einsam in der Mitte r\u00e4um&#8217;ger Hallen,<br \/>\nWo ringsum sonder Zahl er Kreuze sah.<br \/>\nUnd eine Stimme h\u00f6rt&#8216; er dr\u00f6hnend hallen:<br \/>\nHier aufgespeichert ist das Leid; du hast<br \/>\nZu w\u00e4hlen unter diesen Kreuzen allen.<br \/>\nVersuchend ging er da, unschl\u00fcssig fast,<br \/>\nVon einem Kreuz zum anderen umher,<br \/>\nSich auszupr\u00fcfen die bequem&#8217;re Last.<br \/>\nDies Kreuz war ihm zu gro\u00df und das zu schwer,<br \/>\nSo schwer und gro\u00df war jenes andre nicht,<br \/>\nDoch scharf von Kanten dr\u00fcckt&#8216; es desto mehr.<br \/>\nDas dort, das warf wie Gold ein glei\u00dfend Licht,<br \/>\nDas lockt&#8216; ihn, unversucht es nicht zu lassen;<br \/>\nDem goldnen Glanz entsprach auch das Gewicht.<br \/>\nEr mochte dieses heben, jenes fassen,<br \/>\nZu keinem neigte noch sich seine Wahl,<br \/>\nEs wollte keines, keines f\u00fcr ihn passen.<br \/>\nDurchmustert hatt&#8216; er schon die ganze Zahl \u2013<br \/>\nVerlor&#8217;ne M\u00fch&#8216;! vergebens war&#8217;s geschehen!<br \/>\nDurchmustern mu\u00dft&#8216; er sie zum andernmal.<br \/>\nUnd nun gewahrt&#8216; er, fr\u00fcher \u00fcbersehen,<br \/>\nEin Kreuz, das leidlicher ihm schien zu sein,<br \/>\nUnd bei dem einen blieb er endlich stehen.<br \/>\nEin schlichtes Marterholz, nicht leicht, allein<br \/>\nIhm pa\u00dflich und gerecht nach Kraft und Ma\u00df:<br \/>\nHerr, rief er, so du willst, dies Kreuz sei mein!<br \/>\nUnd wie er&#8217;s pr\u00fcfend mit den Augen ma\u00df \u2013<br \/>\nEs war dasselbe, das er sonst getragen,<br \/>\nWogegen er zu murren sich verma\u00df.<br \/>\nEr lud es auf und trug&#8217;s nun sonder Klagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der November wird nicht nur Nebelmonat, sondern h\u00e4ufig auch Totenmonat genannt, und es hei\u00dft, um diese Zeit st\u00fcrben mehr Leute als zu anderen Zeiten im Jahr. 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