{"id":800,"date":"2011-12-06T21:07:24","date_gmt":"2011-12-06T21:07:24","guid":{"rendered":"http:\/\/waldesleuchten.de\/?p=800"},"modified":"2018-05-23T18:06:32","modified_gmt":"2018-05-23T18:06:32","slug":"ausflug-in-den-schnee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waldesleuchten.de\/?p=800","title":{"rendered":"Ausflug in den Schnee"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Eckerstausee-im-Dezember.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Eckerstausee-im-Dezember.jpg\" alt=\"Eckerstausee im Dezember\" title=\"Eckerstausee im Dezember\" width=\"225\" height=\"300\" class=\"alignright size-full wp-image-816\" \/><\/a><font face=\"Arial,Helvetica,Geneva,Swiss,SunSans-Regular\" size=\"2\"><br \/>\nEinheitlich grau ist der Himmel an diesem zweiten Advent, an dem ich morgens um kurz nach acht in Bad Harzburg losgehe. Die Luft ist feucht, der Boden noch na\u00df vom gestrigen Regen, auch jetzt wirkt es so, als k\u00f6nne der Regen jederzeit wieder beginnen. Es hei\u00dft Abschied nehmen vom Harz in diesem Jahr \u2013 die noch folgenden Wochenenden sind restlos durch Arbeit oder Feiert\u00e4gliches belegt. Das Laub auf dem Waldboden gl\u00e4nzt vor Feuchtigkeit, und aus den kahlen B\u00e4umen fallen immer wieder dicke Tropfen. Grau ist auch meine Stimmung, als ich durch den Wald zum Molkenhaus aufw\u00e4rts steige, zu viel hat sich in der letzten Zeit wieder angesammelt: dunkle Erinnerungen an Krankenhaus und Tod, die seither die Weihnachtszeit v\u00f6llig \u00fcberschatten, und Wut und Ohnmachtsgef\u00fchl angesichts der Nachrichtenmeldungen der vergangenen Wochen \u2013 das alles treibt mich den Berg sehr z\u00fcgig nach oben. Diese Abschied-vom-Harz-2011-Wanderung ist als Ventil f\u00fcr all das Negative gedacht, soll angestautes Adrenalin physisch und damit auf gesunde Weise umsetzen.<!--more--><\/p>\n<p>Die Wiese, die aufs Molkenhaus folgt, liegt glanzlos da, das Gras schon winterfahl, von laublosen B\u00e4umen umstanden, die Erde des Wiesenpfads schmatzt wassergetr\u00e4nkt unter den Schritten. Dann geht es abw\u00e4rts ins Tal der Ecker, die Klippen rechts am Hang moosbedeckt und vom Regen dunkelgrau. Bald stehe ich kurz vor der Staumauer des Eckerstausees, rechts hinauf f\u00fchrt nun der Weg und in weitem Bogen auf die Staumauer zu.<\/p>\n<p>Auch diesmal ist der See Wendepunkt der Wanderung. Als ich die Staumauer betrete, rei\u00dft der Himmel auf, die Sonne sendet gr\u00fc\u00dfend ihre Strahlen hinab. Melancholisch liegt das schwarze Wasser des Sees inmitten der Harzlandschaft, am Fu\u00df des Brockens, und die fahle Dezembersonne spiegelt die Fichten dunkel wider und schickt ihre Strahlenvogelschw\u00e4rme zu mir her. Ganz allein stehe ich heute hier, noch kein anderer Wanderer ist mir begegnet. Der See vor dem Brocken, Sonne und Wind sind wie Gebete der Harmonie, man kann nicht auf das stille Wasser blicken, ohne selbst zur Ruhe zu kommen.<\/p>\n<p>Wie so oft ist auch heute das \u00dcberschreiten der Staumauer wie ein Schreiten \u00fcber eine unsichtbare Grenze zwischen Zivilisation und Naturgewalt, ein Eintritt in den Bannkreis des nunmehr dominierenden Brockens, der einen anzieht und mit dem Lied des Windes herbeiruft.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Baeume-am-Eckerstausee.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Baeume-am-Eckerstausee.jpg\" alt=\"Blick durch Baeume auf den Eckerstausee\" title=\"Baeume am Eckerstausee\" width=\"640\" height=\"379\" class=\"aligncenter size-full wp-image-807\" srcset=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Baeume-am-Eckerstausee.jpg 640w, https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Baeume-am-Eckerstausee-300x177.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Wind nimmt deutlich an St\u00e4rke zu. An einer ausgesetzten Ecke des Sees mit wunderbarem Blick mache ich die erste Rast, genie\u00dfe die letzten fahlen Dezembersonnenstrahlen einer Sonne, die durch ihren Kampf mit Nebeln und Winternacht immer schw\u00e4cher wird, bis sie zur Wintersonnwende wieder an Kraft gewinnt. Kurz nach zehn ist es jetzt \u2013 da f\u00fcr den Nachmittag Orkanb\u00f6en angek\u00fcndigt sind, mu\u00df ich mich nun vom See losrei\u00dfen und meinen Weg auf den Brocken fortsetzen \u2013 auch die kurzen Tage lassen mir nicht mehr Zeit zum Verweilen.<\/p>\n<p>Den Abstecher auf die Scharfensteinklippen, von denen man einen wunderbaren, stillen Blick \u00fcber den Harz, auf Brocken und See hat, schenke ich mir heute, daf\u00fcr bin ich eine Stunde zu sp\u00e4t dran \u2013 sp\u00e4testens um zw\u00f6lf will ich die Brockenkuppe erreicht haben. \u00dcber die Panzerplatten des Heinrich-Heine-Wegs geht es aufw\u00e4rts, die Sonne verschwindet hinter Wolken, taucht wieder auf und verschwindet erneut.<\/p>\n<p>Je h\u00f6her ich steige, desto st\u00e4rker wird der Wind, rauscht in den Fichten entlang des Weges, bewegt die Wipfel, tr\u00e4gt immer wieder erste Graupelschauerwolken mit sich. Nach etwa einer Stunde begegnen mir zwei Wanderer, als ich n\u00e4herkomme und gr\u00fc\u00dfe, malt sich Erstaunen auf ihre Gesichter. Ich kann die Gedanken lesen, zu oft schon bin ich diesem Erstaunen begegnet, und manche haben es auch ausgesprochen: eine Frau allein hier oben, inmitten der Naturgewalten, die ihre v\u00f6llige Entfesselung schon in Vorboten ank\u00fcndigen. \u201eHaben Sie denn keine Angst?\u201c, haben manche gefragt. Ja, manchmal hatte ich Angst, mancher Blick in die Abgr\u00fcnde der Alpen war furchteinfl\u00f6\u00dfend, manche Wetterlage auch, aber \u00c4ngste sind dazu da, \u00fcberwunden zu werden. Geht man ihnen entgegen, w\u00e4chst man an ihrer \u00dcberwindung, und verl\u00e4\u00dft die Lage st\u00e4rker als zuvor. Das gilt nicht nur f\u00fcr einsame Wanderungen, sondern auch f\u00fcr Zwischenmenschliches\u2026<br \/>\nNichtsdestotrotz, einsame Wanderungen geh\u00f6ren auch in unserer  Welt der Emanzipation wohl zu den ungew\u00f6hnlichsten Dingen, die eine Frau tun kann.<\/p>\n<p>Immer wilder geb\u00e4rdet sich der Wind, das Rauschen der B\u00e4ume wird lauter und lauter, der Graupel schl\u00e4gt mir ins Gesicht, prickelt auf der Haut. L\u00e4ngst ist die Sonne verschwunden, bin ich ins Wolkenreich eingetreten, das die Brockenkuppe umgibt. Nur noch selten wird ein Blick frei auf den weit unten liegenden Harz. Umkehren? Noch erscheint der Wind nicht zu stark, um weiter voranzugehen, und eigentlich bleibt auch nur dieser Weg \u2013 den R\u00fcckweg auf der anderen Seite des Brockens k\u00f6nnte man im Zweifelsfall auf zwei Gehstunden bis Torfhaus verk\u00fcrzen und mit dem Bus zur\u00fcckfahren, zur\u00fcckgehen \u00fcber den Eckerstausee w\u00e4re deutlich l\u00e4nger.<\/p>\n<p>Die Nebelwolken treiben dahin, als seien sie auf der Flucht, und bleiben dennoch dicht und l\u00fcckenlos. Etwa bei der 1000-m-Markierung trete ich in den Winter ein, d\u00fcnner Schnee von gestern bedeckt den Boden. Sehr weit ist es jetzt nicht mehr. Als eine schmale Wolke den Blick auf die Brockenaufbauten freigibt, sie wie Schatten im Nebel auftauchen l\u00e4\u00dft, bin ich dennoch \u00fcberrascht \u2013 ich stehe nur noch wenige Meter von der Brockenkuppe entfernt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Brockenstein.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Brockenstein.jpg\" alt=\"eis\u00fcberzogener Stein auf der Brockenkuppe\" title=\"Brockenstein\" width=\"225\" height=\"300\" class=\"alignright size-full wp-image-814\" \/><\/a> Die b\u00f6se \u00dcberraschung folgt auf dem Fu\u00df: der eisige Wind hier oben, der direkt \u00fcber die Kuppe streicht, hat den Schnee von gestern fest auf den Boden gedr\u00fcckt und zu Eis erstarren lassen. Einige gr\u00f6\u00dfere Steine sind mit bizarren Eismustern \u00fcberzogen, der Boden hingegen erweist sich als gef\u00e4hrlich glatte Fl\u00e4che. Mit dem Wind im R\u00fccken kann ich mich kaum auf den F\u00fc\u00dfen halten, gleite und rutsche \u00fcber die Brockenkuppe hinweg \u2013 der Abstiegsweg liegt auf der anderen Seite. Kein Ort zum Verweilen heute \u2013 K\u00e4lte, Graupel, Sturm, Nebel und Gl\u00e4tte nehmen jede Fernsicht und Dr\u00e4ngen zum Abstieg. Eine Brockenbahn ist gerade angekommen und spuckt einige zusammengeballte Besucher aus, manche in d\u00fcnnen Sommerschuhen \u2013 kein Wunder, im Tal hat es beinahe 10 \u00b0C, und auch hier oben ist es haupts\u00e4chlich der Wind, der die K\u00e4lte bringt. Viel Vergn\u00fcgen!<\/p>\n<p>Der Abstieg Richtung Torfhaus ist dem Wind kaum ausgesetzt, und so wird die ganze Landschaft wieder friedlicher und zivilisierter. Immer wieder begegne ich hier auch wieder aufsteigenden Wanderern. Der Schnee h\u00e4lt allerdings l\u00e4nger an, gute zwei Stunden gehe ich \u00fcber schnee- und schneematschbedeckte Wege, bald auch wieder im Waldesinneren. Den Abzweig nach Torfhaus lasse ich links liegen und folge dem Kaiserweg zur\u00fcck nach Bad Harzburg. Die Gedanken pendeln sich aus, sind durchgeblasen und m\u00fcdegelaufen. Eine entlaubte L\u00e4rche steht mit ihren aufw\u00e4rts gebogenen Zweigen da wie ein zerzauster, \u00fcberdimensionierter Weihnachtsengel. Ab dem Molkenhaus geht es die letzte Strecke in der Abendd\u00e4mmerung abw\u00e4rts, der Blick durch die kahlen Baumkronen entwirft wundersch\u00f6ne Scherenschnittmuster vor dem helleren Abendhimmel. Lang knirscht der gewohnte Bergschritt auf dem Kies der vertrauten Waldwege, bis die ersten Stra\u00dfenlaternen grell die d\u00e4mmerungsgewohnten Augen blenden: auf ein Neues im n\u00e4chsten Jahr!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Baumkronen-im-Abendhimmel.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Baumkronen-im-Abendhimmel.jpg\" alt=\"Baumkronen im Abendhimmel\" title=\"Baumkronen im Abendhimmel\" width=\"640\" height=\"480\" class=\"aligncenter size-full wp-image-810\" srcset=\"https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Baumkronen-im-Abendhimmel.jpg 640w, https:\/\/waldesleuchten.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Baumkronen-im-Abendhimmel-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einheitlich grau ist der Himmel an diesem zweiten Advent, an dem ich morgens um kurz nach acht in Bad Harzburg losgehe. 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