{"id":938,"date":"2012-02-23T18:36:40","date_gmt":"2012-02-23T18:36:40","guid":{"rendered":"http:\/\/waldesleuchten.de\/?p=938"},"modified":"2012-02-23T18:37:07","modified_gmt":"2012-02-23T18:37:07","slug":"fruhlingserwachen-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waldesleuchten.de\/?p=938","title":{"rendered":"Fr\u00fchlingserwachen, II"},"content":{"rendered":"<p><font face=\"Arial,Helvetica,Geneva,Swiss,SunSans-Regular\" size=\"2\"><br \/>\nDie R\u00fcckkehr des Fr\u00fchlings ist mehr als ein jahreszeitliches Ereignis. Viel mehr insbesondere f\u00fcr diejenigen, die im Winter viel Zeit drau\u00dfen verbringen, drau\u00dfen arbeiten, auf den Stra\u00dfen sind, f\u00fcr diejenigen also, die den Winter vor der T\u00fcr nicht nur aus dem geheizten Zimmer betrachten, sondern f\u00fcr die er elementar wird.<!--more--><\/p>\n<p>Diejenigen, die den Winter drau\u00dfen erleben, sp\u00fcren die Grenzen der zivilisierten, von Gefahren befreiten Welt. Sie erkennen den Winter im Neuschnee und extremer K\u00e4lte als dem Leben feindliche Kraft. Neuschnee wie im Dezember 2010, jeden Tag aufs Neue, ein Kampf auf frisch verschneiten Stra\u00dfen, um an Ziel zu kommen, die kleinen D\u00f6rfer und abgelegenen Feldwege drau\u00dfen in der Landschaft. Panzer aus Eis auf den Stra\u00dfen, ein ohnm\u00e4chtiger Winterdienst, Auto- und LKW-\u201eLeichen\u201c an den Stra\u00dfenr\u00e4ndern, in Stra\u00dfengr\u00e4ben, umgekippt auf der Seite, auf dem Dach, an B\u00e4ume geschleudert.  Wehender, leichter, feiner, k\u00e4ltefliegender Schnee, vom Wind die Frontscheibe komplett blind, mehr Gl\u00fcck als Verstand, ohne Sicht nicht in die meterhohen Schneewehen am Rand der Stra\u00dfe zu steuern. Spaten und Schlafsack im Auto ein Mu\u00df. Schlitternd \u00fcber festgefahrenes Eis zwischen den St\u00e4llen, blaugefrorene H\u00e4nde, beim Auftauen unter den N\u00e4geln brennend. F\u00fc\u00dfe, die man nicht mehr sp\u00fcrt, kurzes Aufw\u00e4rmen in warmer Stalluft, dann weiter auf die blau- und gelblicht\u00fcbers\u00e4ten Stra\u00dfen,  Fahrten, an deren Ende man jeden Tag aufs Neue froh ist, \u00fcberlebt zu haben, ein Hauch von Soldatentum,  unwirklich in einer Welt wie der unseren und doch real.<\/p>\n<p>Klirrende K\u00e4lte, \u201eRussenk\u00e4lte\u201c, im Januar 2012, sich auf das Land wie ein Panzer legend, der allm\u00e4hlich jedes Leben zum Erliegen bringt, jedes Hantieren mit Wasser zur Qual macht, am Morgen schon von einem Eiseshauch begr\u00fc\u00dft. Man kann nicht nur den Schnee riechen, nein, man kann auch diese Art von K\u00e4lte h\u00f6ren, wenn man am Abend am offenen Fenster steht und hinauslauscht: es liegt ein Rauschen in der Luft, zwar an sich nur ein leises Rauschen, aber im Kopf bet\u00e4ubend laut und feindselig dumpf hallend, als k\u00f6nne man mit diesem Rauschen bis in die Tiefen des Alls sehen, das in seiner schweigenden, kalten Schw\u00e4rze vor einem aufsteht, tiefer und unendlicher, und einsamer als alles, was zu denken ist. <\/p>\n<p>Am Tage, wenn die Sonne scheint, wird die K\u00e4lte f\u00fcr Stunden ertr\u00e4glich, wenn man auch hinter der kalten, glitzernden Reiflandschaft die Gefahr sehen kann, die von ihr ausgeht. Hier liegen bleiben, hier drau\u00dfen, auf einem einsamen Weg, w\u00fcrde den sicheren Tod bedeuten. Man sieht es der Landschaft in ihrer bizarren Sch\u00f6nheit an, die kein Gr\u00fcn, kein Bunt in sich tr\u00e4gt, nur reflektierendes, klirrendes, hartes Wei\u00df.<br \/>\nDann wieder feuchte K\u00e4lte, die in die Knochen und in die Lungen kriecht, wieder Schnee, wieder Kampf ums \u00dcberleben auf den Stra\u00dfen, Krankheit und Tod allgegenw\u00e4rtig im Land.<\/p>\n<p>Ja, und dann: dann singt eines Morgens ein Vogel, zaghaft noch, aber er singt! Er singt, er singt ein Lied vom Fr\u00fchling, von Sonne, von der Wiederkehr des Lebens, von Blumen und Gr\u00fcn und Liebe und Licht, und beim Herausgehen kommen einem die Tr\u00e4nen, da\u00df der beklemmende Panzer aus K\u00e4lte von einem weicht, der nicht nur das Leben, sondern auch die eigene Seele allm\u00e4hlich absterben lie\u00df, und die Luft streicht lau \u00fcber die Haut, und mit etwas Gl\u00fcck findet man die ersten Schneegl\u00f6ckchen\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die R\u00fcckkehr des Fr\u00fchlings ist mehr als ein jahreszeitliches Ereignis. 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